Die Autorin

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Warum!

Ursächlich für die Entstehung des Theaterstücks „Sein Bildnis wunderselig“ war künstlerische Notwehr. Und zwar die seltenere Form der weitestgehend unprovozierten.

Um nicht zu sagen: die fast ausgestorbene, nie mit lateinischen Gattungsnamen versehene Unterform der Notwehr durch Hasenfüßigkeit mit schwerwiegender Folge der schonungslosen Selbsterkenntnis wider besseren Wissens. Die ganz ungesunde Form also.

Damals – 2007 – war ich als klassische Sängerin nicht erfolglos und eine größere Agentur schlug mir eine Liederabend-Tournee durch Deutschland vor. Die große Nummer, Philharmonien hier und dort. Ein Traum. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer, dass mir genau das in meiner Karriere gefehlt hatte – eine Chance zum Ergreifen, eine Agentur, die einer unbekannten jungen Künstlerin etwas so Heikles zutraut. Das Erstaunen aller Beteiligten fiel dann auch entsprechend aus, als ich, wenn auch mit belegter Stimme, ablehnte. Nicht mal wirklich dankend.

Die Situation schrie nach mehreren Formen der Analyse zugleich. Eine schlichtes „Warum?“ drängte sich auf. Man hatte selbst einen Prominenten zur Moderation dieser Konzertreihe gewinnen können. Aus dem Wörtchen „Warum?“ wurde auf der anderen Seite des Tisches ein „Warum zur Hölle?“. Ich hätte meinen Lieblingszyklus „Frauenliebe und -leben“ singen dürfen. Dazu wunderschöne Lieder Clara Schumanns. Die Warums vermehrten sich wie Tribbles.

Nach eingehender Introspektion, unter Zuhilfenahme von nicht zu vernachlässigenden Mengen Proseccos mit Holundersirup, Schamanismus und hochnotpeinlichen eurythmischen Maßnahmen, kam ich zu der Erkenntnis, dass neben Angst vor Versagen, also obengenannter Hasenfüßigkeit, auch schmeichelhaftere Motive mein Handeln rechtfertigten. Ich war in der Darbietungsform „Liederabend“ von je her unglücklich, ja in meiner ganzen Rolle als klassischer Sängerin. Ich fühlte mich eingeschnürt und sah mich nicht in der Lage, alle Schichten dessen, was ich so gerne über diese Musik ausdrücken wollte, rein durch vokale Mittel darzustellen.

Oder andersherum, ein Problem, das viele Frauen teilen: ich wollte zu viel gleichzeitig sagen. Am End’ gar widersprechen… Es stand ernst um mich.

Ein sehr kleines Beispiel: die Texte Chamissos zur Frauenliebe muten heute arg seltsam an. Spiegeln sie Roberts Bild Claras? Wenn ja – warum? Warum sagt er das so? Robert, der Engel, der sensible. Die Texte wirken hausbacken und veraltet. Bloß – das war damals nicht anders. Auch die Zeitgenossen schüttelten den Kopf über Roberts Textauswahl.

Oder: die Tatsache, dass mit dem Tod des Ehemannes die Musik einfach endet, wird in einem Liederabend bestenfalls gerührt zur Kenntnis genommen. Robert Schumann war ein hochgebildeter, enorm belesener Komponist. Er wusste genau, welche Texte er wählte und er wusste immer warum. Wider besseren Wissens (s.o.) wagte ich im weiteren Tathergang, der Musik Roberts etwas hinzuzufügen.

Mich möge meine gute Gesinnung entschuldigen, die mich glauben ließ, nicht jedem heutigen Ohr erschlössen sich Harmonik und Motivik des 19. Jhdts auf spontane Weise.

Und beides enthält doch so viele erzählenswerte, verstehenswerte Geschichten.

Moderation schien mir das nicht leisten zu können. Zu musikfremd, zu belehrend.

Ich wollte, dass die ganze Geschichte vor den Augen des Publikums zum Leben erwacht. Alle Liebe, alles Leid, die Menschen hinter den statuesken Bildnissen. Fleisch und Blut, Lachen und Weinen.

Durch den Impuls eines zweisilbigen Fragewortes mutierte nun die Notwehr zu einer interpretatorischen Fingerübung. Ich schrieb mir in einem zweiwöchigen Anfall alles von der Seele, was ich zu dieser Musik schon immer einmal sagen wollte. Alle „Darums“, alle „Hört mal hers!“, ein ganzes Herz voll „Das waren Menschen!“ Clara sollte endlich ganz bei sich sein dürfen, mit ihrem Bild von Robert. Klagen dürfen, zerbrechen dürfen. Schwach sein um stark zu werden. Ihr unendliches Leid betrachten, herausschreien dürfen, den Verlust eines so geliebten Menschen auf so grausame Weise. Trauer tragen. Nicht zur Schau, zur Heilung.

Damit wir nicht immer dasselbe, nicht zuletzt von Clara feinsäuberlich zensierte, Bild der Schumanns bestaunen müssen, war es wichtig, Clara in einem unbeobachteten Moment zu erwischen. Allein mit ihren Erinnerungen. Den echten, denen, die wehtun, wenn man sie auspackt. Ich musste sie zu ihrem persönlichen „Warum“ bringen.

Dazu hieß es, einen Zeitpunkt höchster Verletzlichkeit abzupassen. Ein Umzug nach Roberts Tod. Ausgerechnet nach Berlin. Dazu das schlechte Gewissen wegen der Rheinfahrt mit Brahms. Fies – aber ein gefundenes Fressen.

Doch alleine würde ich es trotz Anwendung seelischer Grausamkeit nicht schaffen, die Musik musste natürlich helfen. Es hieß, Roberts wundervolle, herzbetörende, abgrundtiefe Melodien manipulativ einzusetzen. Mittlerweile grauste mir vor nichts mehr, um die Hülle zwischen Clara und ihrem Publikum zumindest bis zur Semipermeablilität zu zersetzen. Für mein inneres Erleben groteskerweise zu Claras Schutz. Damit sie sicher neben ihrem Mann stehen kann. Nicht schützend vor ihm und schon gar nicht stets im Hintergrund.

Ein glücklicher Zufall wollte, dass zu dieser Zeit nicht nur eine hyperaktive Calliope, der beginnende galoppierende Wahnsinn und das Wörtchen „Warum?“ in mein Leben traten, sondern auch Nadine Schori, deren sprühende Lebendigkeit und liebevolle Einfühlsamkeit mich verzauberten und die vage Fantasie sprießen ließen, was wohl passieren würde, wenn so eine Schauspielerin sich Claras annähme….

Aus Gesprächen mit ihr entstand die Tonalität „meiner“ Clara. Als Marian Lux das schöne Intro komponierte (das selbst von Fachleuten schon für ein ganz unbekanntes Werk Schumanns gehalten wurde), es für weniger genial begabte Menschen sogar aufschrieb und es so zu einem Teil des Stückes werden ließ, wusste ich – jetzt ist meine Clara angekommen. Genau so.

Dass ich dann 2008 neben ihr und Marian in der Uraufführung des Stückes in Leipzig in der Traukirche der Schumanns, an deren Hochzeitstag die Calliope singen durfte, kann ich bis heute kaum glauben. So glücklich macht mich diese Erinnerung.

Aber initial ermöglichte all dies – vollkommen gegen den Tonus des Stückes und jegliches Ansinnen der Emanzipation – mein Ehemann. Als ich, vollauf zufrieden mit der gewonnenen Selbsterkenntnis, meinem Erstlingswerk gerade eine hübsche Schublade nicht gar so weit unten im Schreibtisch entstauben wollte, betrat mein „Herrlichster von allen“ die Szene. Furchtlos trug er das Werk gen Leipzig. In die Höhle des Löwen, zu den Musikwissenschaftler/innen des dortigen Robert-Schumann-Vereins. Mein entsetzt hinterher gehauchtes „Warum?“ blieb ungehört. Sein siegessicheres „Warum nicht?“ duldete keine Antwort. Man zeigte sich dem Werk sehr gewogen und es durfte auf die Bühne. Seitdem ist dem Stück viel Gutes widerfahren auf seinem Weg.

Hasenfüßig bin ich immer noch, durch besseres Wissen. Aber Notwehr mit schonungsloser Selbsterkenntnis und vielen „Warums“ macht mitunter mächtig glücklich. Und ist überhaupt nicht ungesund.

Nina Omilian

im August 2012